Die Seelaus-Hütte
Von der Seelaus-Hütte auf der Seiser Alm wird erzählt, es habe dort früher ein alter,
rechtschaffener Bauer namens Joch gewohnt. Er war arm und noch dazu ein elender Pechvogel. Alles was er
anfasste, ging schief. Eines Abends stürzte ein landfremder Mann in hohen Reiterstiefeln und
grasgrünen Kleidern in seine Stube. Joch vermutete in ihm den Teufel, und in der Tat verwandelte
sich der Fremde in ein Geschöpf mit Hörnern auf dem Kopf. Der Teufel legte ihm hundert Dukaten
auf den Tisch und versprach ihm Glück und Reichtum, wenn er es ihm nach fünf Jahren wieder
zurückzahlen würde. Ansonsten wär's mit seiner Seele aus.
Fünf Jahre vergingen im Fluge und der Joch hatte sich eine schöne neue Hütte gebaut und
zahlreiches Vieh angeschafft. Als er eines Abends gemütlich vor der Türe saß und ein
gutes Pfeifchen rauchte, kam der Teufel des Weges und verlangte sein Geld. Der Joch aber hatte keines,
sodaß der Teufel ihm versicherte, nach fünf Jahren noch einmal zu kommen, um dann die
Schulden einzutreiben.
Abermals waren fünf Jahre herum und noch immer wusste sich der Joch nicht zu helfen. Verdattert
stand er im Spitzbühelwald und hackte Holz, als er plötzlich ein kleines Nörggele entdeckte.
Dieses schnappte sich sein Beil und verschwand ganz geschwind hinter dem nächsten Baumstumpf.
Erschrocken packte er den Zwerg am Kragen und wollte sich sein Beil wiederbeschaffen. Das Nörggele
aber bestand darauf, das Werkzeug mit nach Hause zu nehmen. Dafür würde es dem Joch auch verraten,
wie er den Teufel überlisten könne. Dieser hatte viel von der Schlauheit der Zwerge gehört
und fand Gefallen am Vorschlag des Winzlings. Wenn der Teufel in einem Hause eine Seele geholt hatte,
schrieb er über die Türe des Hauses die Worte "Seel' aus". Das tat er, um nicht zweimal ins
gleiche Haus einzukehren. Die Worte schrieb er in einer Schrift, die nur von Zwergen und Sonntagskindern
verstanden wurde.
Schnell beschriftete das Nörggele die Haustüre und legte sich mit dem Joch auf die Lauer.
Als der Teufel nun Schlag zwölf Uhr mitternachts mit einem großen Sack voll sündiger
Seelen den Joch abholen wollte, machte ihn das Nörggele auf die zwei Worte aufmerksam. Er schaute
verdutzt drein und machte sich geschwind davon. In seiner großen Freude vergaß der Bauer am
nächsten Morgen die Worte wegzulöschen, sodaß die vorüber gehenden Leute, unter
denen auch Sonntagskinder waren, die Worte sahen und lasen. Die Hütte heißt bis heute noch
Seelaus-Hütte.
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