Mit der Explosion des Reaktors in Tschernobyl hat sich das Leben der Menschen in Weissrussland dramatisch verändert. Hinzu kommt noch die politische Abspaltung von der Sowjetunion und die Machtübernahme durch Lukaschenko.
Die Kinder, die zur Erholung in die Mainzer Gegend kommen, wohnen in einem stark belasteten Gebiet, ca. 70 km von Tschernobyl entfernt. Jedes Jahr werden von dem Verein "Kinder von Tschernobyl" ca. 40 Kinder eingeladen, die in Gastfamilien untergebracht werden. Die Einladung über einen Verein ist nötig, denn ansonsten dürfen die Kinder ihr Land nicht verlassen. Paß-, Zoll-, Visaformalitäten sowie der Transport sind eine Wissenschaft für sich und sind von Privatpersonen nicht durchführbar. Wenn die Kinder allerdings ihr Ziel erreicht haben, liegt die Umsorgung und Erholung in den Händen der Gasteltern, die nicht nur Kleidung, Essen, Geschenke und Ausflüge aus eigener Tasche bezahlen, sondern auch die Fahrt und die Versicherungen, falls man ein Kind zwei oder mehrere Male einlädt. Diese nicht unerheblichen Transportkosten werden von uns übernommen. Ebenso sorgen die Gasteltern dafür, dass die Kinder u. deren Familien mit nahrhaften u. gesunden Lebensmitteln und mit den fehlenden Dingen des alltäglichen Lebens sowie mit -falls vertretbar- den nötigsten Medikamenten versorgt werden.
Die Ankunft dieser Kinder ergibt jedes Mal ein erschreckendes Bild. Abgemagert, unterernährt, lethargisch, im Vergleich zu deutschen Kindern gleichen Alters wesentlich kleiner, die Gesichtsfarbe weiß, als ob sie noch nie die Sonne gesehen hätten - so stehen sie mit ihrer gesamten Habe, die meist in eine Plastiktüte passt, oft in Schuhen, die 1-2 Nummern zu klein sind, ihren Gasteltern gegenüber. Das totale Gegenteil kann man dann bei der Abreise der Kinder feststellen. Gut erholt, einige Kilo mehr Gewicht, eine gesunde, gebräunte Gesichtsfarbe, fröhlich und mit strahlenden Augen treten sie die Heimreise an.
Obwohl angeblich nur die "gesunden" Kinder ausreisen dürfen wird sehr schnell klar, dass man in Weissrussland "gesund" anders versteht als bei uns. Sofort fällt auf: sie haben motorische Störungen, sind in keiner Weise belastbar, die Hautfarbe ist erschreckend, viele haben Asthma, Herz- u. Kreis- laufprobleme, die Knochen erscheinen u.U. deformiert, viele haben Schmerzen. Schilddrüsen- u. Blutkrebs, Schädigungen des Nervensystems sowie Missbildungen sind die bekanntesten Folgen der Tschernobyl-Katastrophe, mittlerweile bewiesen sind auch Schädigungen des Erbgutes sowie deren Weitervererbung.
Obwohl die Menschen medizinisch angeblich "gut versorgt und regelmäßig untersucht werden", werden noch nicht einmal Blutuntersuchungen durchgeführt. Unvorstellbar: die Kinder werden auf Schilddrüsenkrebs mit der Tastmethode untersucht. Über die Folgen der Kathastrophe sind die Menschen sogar heute noch im Unklaren. Es fehlen in den Krankenhäusern nicht nur die bei uns selbstverständlichen Medikamente wie Schmerzmittel, fiebersenkende Medikamente, Herzmedikamente, Verbandsmittel, Salben, sondern auch die einfachsten diagnostische Geräte wie z.B. zur Blutzuckermessung, Blutdruckmessgeräte, Röntgengeräte. Eine Erkältung zwingt sie für mind. 3 Wochen ins Bett, weil das geschädigte Immunsystem mit den Erregern nicht fertig wird und fiebersenkende Medikamente nicht verfügbar sind. Eine Ärztin sagte mir, dass sie vollkommen hilflos in den Krankenhäusern die Menschen sterben sieht und ihre Qualen noch nicht mal mit einem Schmerzmittel lindern kann. Hauptsächlich seien es Kinder und junge Menschen. Auch von "unseren" Kindern sind viele schon Waisen bzw. Halbwaisen.
Zu all diesen gesundheitlichen Belastungen kommt dann auch noch die
mangelhafte Ernährung hinzu. Die Bevölkerung ist sehr arm. Der Durchschnittsverdienst
liegt bei ca. 80 Euro, wogegen z.B. eine Tube Zahnpasta
schon 3 Euro kostet. Die Hauptnahrung der Menschen sind Kartoffeln,
Kohl u. als Getränk Leitungswasser. Sieht man nun die starke radioaktive
Belastung wird schnell klar, dass sich die Verseuchung auch in der
Nahrungskette fortsetzt. Die Erde ist verseucht, demzufolge ist auch das
Gemüse, das Gras-die Kuh-die Milch verseucht, aber die Menschen haben
nichts anderes ! ! ! Fleisch ist fast unbezahlbar und kommt nur an besondern
Feiertagen auf den Tisch, ebenso frisches Obst. Dadurch leiden die Menschen
an starkem Vitaminmangel und die Kinder sind unterernährt. Die für uns ganz
normale Gefrierkost gibt es nicht, das von Kindern so geliebte Eis, Cola, Säfte,
Hamburger, Pommes, Bananen, Ananas, Gummibärchen, Kaugummi, Joghurt,
Quarkspeisen - ist in ihrer Heimat reines Wunschdenken. Man kann diese
Dinge nicht kaufen und wenn vielleicht doch - nur mit harten Euro und Dollars,
wenn man welche hat.
Diese Mangelernährung schlägt sich stark bei den Zähnen
nieder. Die Kauwerkzeuge sind sehr stark kariös, oftmals sind sie nicht
mehr zu retten und müssen gezogen werden. Haben die Kinder nicht das
Glück, dass ihre Gasteltern mit ihnen in Deutschland zum Zahnarzt gehen,
erleiden sie in ihrer Heimat reinste Horrorbehandlungen. Plombieren und Zahn
ziehen erfolgen ohne Spritze, der Zahnarzt zieht und ein Helfer hält den
Patienten fest. Wie im Mittelalter.
Die Katastrophe von Tschernobyl hat ein ganzes Volk gesundheitlich ruiniert, der Staat tut sein Übriges durch die kommunistische Führung noch hinzu. Gott sei Dank gibt es in Europa noch viele Menschen, die den Kindern von Tschernobyl die Möglichkeit zur Erholung bieten, Spenden sammeln und somit ihre Widerstandskraft nachweislich für 6-9 Monate stärken - und ihnen ein bisschen Lebensfreude geben.
Wir, die Gasteltern, sind ständig bemüht, bei Firmen und Privatpersonen Spenden zu sammeln und diese voll u. ganz an die Kinder zu verteilen. Jede Spende kommt diesen Kindern zugute - ohne Wenn u. Aber.
Tschernobyl ist nicht nur heute ! Tschernobyl ist auch morgen und übermorgen ! Tschernobyl gibt es noch in tausend Jahren - und uns kann es auch treffen. Genug Kernkraftwerke stehen ja in der Landschaft !!!